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Die Magie der Murex Muschel - oder warum ich als Kinderbuchautorin Tagebuch schreibe


Das Tagebuch, ein Schatz!

Du würdest als KinderbuchautorIn gerne auf Tagebucheinträge aus deiner eigenen Kindheit zurückgreifen, hast aber kein Tagebuch geführt?

Ann-Kristin Vinterberg ist Mitglied der KinderbuchManufaktur und zeigt in ihrem Gastbeitrag, wie du das heute nachholst und wie das deine Texte bereichern kann!



"Im Wohnzimmerschrank hütete meine Mutter eine Murex Muschel. Sie schimmerte rosa, streckte ihre Stacheln aus und drehte sich spiralenförmig wie eine Wendeltreppe. Innen schimmerte sie hell, fast silbrig; für mich war sie ein Gruß aus einer anderen Welt. Ich hatte noch nie das Meer gesehen, nur davon gehört.

Vorsichtig nahm ich die Muschel in meine Hände, voller Angst, diese Kostbarkeit zu zerbrechen, und dann presste ich sie ans Ohr, hielt die Luft an und lauschte. Welche Geschichte würde sie mir heute zuraunen? Hatte sie schillernde Korallen gesehen? Bunte und leuchtende Fische? Hatte sie dem Gespräch der kleinen Meerjungfrau mit der bösen Hexe gelauscht? Oder aber dem Seufzen der Wellen, die von fernen Ländern erzählten, vom Heimweh der kleinen Nixe? Heimweh wusste ich, was war, ich konnte kaum von zu Hause weg ohne dass sich mein Herz schmerzhaft zusammenzog.

Das Meer weckte eine Sehnsucht in mir, einen Durst nach Freiheit, Weite, Offenheit und Kraft. Wenn ich die Muschel an mein Ohr drückte und die Augen so fest schloss, dass ich Sternenstaub von Farben sah, passierte es.

Es war wie ein Wunder. Ich hörte das Rauschen des Meeres, den Gesang der Freiheit. Es flüsterte, raunte, wisperte und seufzte zu meinem Herzen. Erzählte seine Geschichten. Ich musste ihm nur noch die Worte leihen.


Im Tagebuch die Magie der Kindheit wieder entdecken

Das ist Magie. Die will ich als Autorin einfangen. Vor allem, wenn ich für Kinder schreibe.

Doch wie kann ich etwas einfangen, was längst verflogen ist? Was sich ins Land der Erinnerungen zurückgezogen hat und seinen Zauber mit sich nahm?

Heute wohne ich am Meer, in Kopenhagen, der Stadt der kleinen Meerjungfrau. Immer wenn ich sie sehe, erinnert sie mich an diesen Augenblick mit der Murex Muschel. Und auch wenn die Magie der Kindheit mit den Wellen der Zeit entschwunden ist, so ist sie für mich nur ein paar Schritte weg. Bis nach Langelinie zur kleinen Meerjungfrau?

Nein, noch viel kürzer. Weder du noch ich müssen bis ans äußerste Meer reisen. Es reicht, einen Stift und ein Papier zu nehmen, um mit dem Tagebuch in die Welt der Kindheit einzutauchen. Denn ich kann in diese wunderbare Welt immer und immer wieder eintauchen, indem ich schreibe. Und du kannst es auch.

Zum Internationalen Tag des Tagebuchs möchte ich dich einladen: Entdecke des Tagebuchschreiben. Reise in deine Kindheit. Öffne die Schatztruhe deiner Erinnerungen, und lasse das lebendig werden, was deinen Geschichten – egal ob du für große oder kleine Leute schreibst – das Gewisse etwas gibt, deinen Fingerabdruck, deine persönliche Stimme.


Was Harry Potters Zauberstab mich lehrte

Kinder und Erwachsene sind von Harry Potter fasziniert. Ja, es liegt auch am spannenden Verlauf der Geschichte. Aber nicht nur. Ich glaube, es hat vor allem damit zu tun, das sich für Harry im 11. Lebensjahr eine neue Welt öffnet, voller Zauber, Magie, neuer Möglichkeiten, auch Gefahren, ja sicher. Gleichzeitig entdeckt er, dass er sich diesen Herausforderungen stellen muss, dass ihm Mut und Kraft wachsen, um sich ihnen zu stellen.

Der kleinlich langweilige Alltag platzt wie Popcornmais - und da entdeckt der Leser an Harrys Seite: Da ist ja noch etwas ganz anderes! Eine andere Welt versteckt sich hinter den Dingen, eine magische Welt, es gibt so viel mehr als das, was wir nur mit den Augen sehen oder gerade vor Augen haben.

Es gibt einen tieferen Sinn in vielem, was wir erleben, und auch in uns steckt so viel mehr und anderes als das, was wir hier und jetzt sehen: Der graue Alltag mit seinem manchmal langweiligem Einerlei.

Diese Sehnsucht schlummert in mir, wenn ich Tagebuch schreibe. Ich will diese Welt, mich selbst verstehen, ich will begreifen, wie ich zu der Frau geworden bin, die ich heute bin. Ich will die Welt hinter und über den sichtbaren Dingen erforschen.

Diese Sehnsucht steckt, glaube ich, in allen Menschen, und für mich ist sie eine der kostbarsten Sehnsüchte, das Wertvollste, was wir haben. Sie hält uns lebendig, macht uns nachdenklich, lässt uns suchen, träumen, kreativ werden, hilft uns zu finden und zu entdecken.

Und wenn wir diese Sehnsucht in unserem Alltag ernst nehmen, lernen wir zwar nicht gleich zaubern wie Harry Potter, aber unser Leben verändert sich. Es erhält neue Farben, es bekommt eine neue Blickrichtung, mehr Tiefe, mehr Sinn. Auch das ist eine Art Zauber.


Das Zauberwort für Tagebuchschreiber

Tagebuchschreiben ist populär und für mich eine der besten Übungen für Autor*innen. Da erforschst du den Dschungel deiner Kindheit, hebst verborgene Schätze, du fabulierst, erzählst, improvisierst, klagst und jauchzt. Du macht den Moment unvergänglich und zauberst Erinnerungen aufs Papier. Die Zeilen entführen dich in das Land der Kindheit und wecken seine Magie wieder zum Leben.

Doch wie schließt man diese Erinnerungen auf? Wie zapfst du den Fluss der Erinnerungen an?

Ich verrate dir ein magisches Zauberwort. Nein, nicht das berühmte des Harry Potter „Arresto Momentum“ (alles, was sich bewegt, werde langsamer). Auch wenn du ein wenig die Zeit anhalten willst, wenn du Tagebuch schreibst, ist mein Zauberwort viel einfacher:

Schreib einfach:

Ich erinnere mich, ich erinnere mich, ich erinnere mich … und schon kommt die Magie ins Spiel.

Ich erinnere mich …

  • an diesen Apfelbaum in unserem Garten,

  • an die Petra in meiner Klasse mit der Brille, die ihr Glubschaugen gab,

  • an meinen ersten Kuss …

Jeder Gegenstand deines Lebens, jedes Wort, jedes Ereignis hat und erzählt seine eigene Geschichte. Du musst nur zuhören, dem Herzschlag des Lebens lauschen. Das stille Beobachten, das ruhige Erzählen, das etwas von sich selbst preiszugeben. Das ist das geheime Gewürz jeder guten Geschichte. Wenn du das schaffst, dann sagst du: So sehe ich die Welt und der Leser tauchst ein in deine Welt.


Dein Tagebuch ist deine Samenbank

Wenn du mit dem Zauberwort die Erinnerungen zum Blühen gebracht hast, kannst du Samen sammeln für deine Geschichten. Dein Tagebuch ist dein Zaubertasche. In ihr schlummern ganz viele Samen, die etwas zum Blühen bringen können, die der Samen für eine unvergessliche Geschichte sind. Gedanken über die Menschen, Beobachtungen von menschlichen Ticks, ganz entscheidend auch Selbstbeobachtung,


Halt deine Eindrücke fest:

  • Wie fühlt sich Hunger an?

  • Wie ist das, wenn jemand, den du liebst, stirbt?

  • Wie fühlst du dich, wenn du einen Menschen wiedersiehst, den du sehr liebst.?

  • Wie riecht der Mensch?

  • Wie fühlte sich der Fußboden deines Elternhauses an?

  • Wie war das, als du mit der Schaukel bis in den Himmel geflogen bist?

  • Wann wurdest du zum ersten Mal ausgelacht?

  • Was war dein Lieblingslied?

  • Wie roch es bei deinen Großeltern?

  • Wie hieß mein imaginärer Freund?

  • Wo hast du dich am liebsten versteckt?

  • Wie roch es im Keller?


Viel kann man über das Schreiben für Kinder sagen. Ich möchte heute nur an einem Gedanken festhalten: Für Kinder ist die Welt noch magisch. Die Welt ist so viel größer als die Fakten und Daten, mit der wir sie erklären wollen. Ihre Welt ist magisch, und wenn ich für sie erzähle, für sie schreibe, dann möchte ich die Welt mit den Augen, der Begeisterung eines Kindes sehen und entdecken.


Das ist einer der Gründe, warum ich regelmäßig zurück in die Welt meiner Kindheit reise, auch um Kinder mit meinen Worten zu erreichen. Indem ich Tagebuch schreibe. Reisen wir zusammen?"


Herzlichen Dank für diese Reise-Einladung!



Gastbeitrag von:

Ann-Kristin Vinterberg – Kinderbuchautorin und Mitglied der KinderbuchManufaktur


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